Schon bald nach der Bildung hierarchischer und später staatlicher Gesellschaftsformationen setzte auch die Kritik an der Konstruktion sozialer Beziehungen auf der Basis von Macht- und Besitzgefällen ein. Meist baute solche Kritik auf einer mystischen Reinterpretation religiöser Motive und Praktiken auf, mitunter wurde sie – als aktiver Rückzug aus als zwanghaft empfundenen Gesellschaften in noch „wilde‟, d.h. noch nicht vom staatlich-zivilisatorischen Territorialismus Regionen oder als Amalgam freibeuterischer Praxis in utopischen Inselrefugien – auch praktisch. Aber erst mit der Verschärfung sozialer Ungleichheit hin zum Massenelend im 19. Jahrhundert konkretisierte sich der Wunsch nach einem „tatsächlich‟ freien Leben zu einer politischen – oder vielmehr in weiten Teilen antipolitischen – Bewegung, dem Anarchismus. 


Nach der umkehrenden Aneignung der denunziatorischen Bezeichnung als „Anarchist‟ durch Pierre Joseph Proudhon entstand eine philosophisch-revolutionäre, häufig diffuse Bewegung, die sich in mehreren europäischen Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien, Russland und der Ukraine, aber auch in Nordamerika und Ostasien zu einer ernsthaften Herausforderung nicht nur des Status Quo, sondern auch der in Parteien verfestigten sozialistischen Bewegung(en) mauserte. Sowohl organisatorisch (revolutionäre Zirkel; Syndikalismus; Kooperativen) als auch in seiner Vorgehensweise (pazifistisch; syndikalistisch; insurrektionell; illegalistisch; terroristisch) und Zielvorstellung (Kooperativen; Kommunen; Individualismus; Anarchokommunismus) entwickelten sich gleichzeitig und nacheinander unterschiedliche konkrete Formen, die in ihren ideen- und sozialgeschichtlichen Kontexten in den Blick genommen werden sollen. 

Das Augenmerk des Seminars liegt auf der Anarchie als philosophischer Vorstellung, auf dem Anarchismus als mannigfaltiger, diffuser Bewegung und seiner Übersetzung in kollektive und/oder individuelle Praxis. 

Besonderes Augenmerk wird auf der „klassischen‟ Zeit des Anarchismus bis zur Niederschlagung der Anarchisten und Sozialisten im spanischen Bürgerkrieg gehen. Nach Möglichkeit soll aber auch die Wiederaufnahme anarchistischer Motive und Haltungen nach dem Zweiten Weltkrieg n den Blick genommen werden. Da das Thema recht umfangreich und die möglichen Zugänge (Ideengeschichte, Biographie, Sozialgeschichte…) vielfältig sind, wird die Untersuchung nur exemplarisch erfolgen können. Die Auswahl der konkreten Gegenstände ist prinzipiell für Wünsche und Vorschläge der Studierenden offen.


Die Natur des Gegenstandes des Seminars macht es erforderlich, im Verlauf des Seminars auch umfangreichere Texte zu lesen und auszuwerten. Eine Liste der grundlegenden Literatur wird zu Beginn des Semesters zugänglich gemacht werden. Die vorherige Lektüre einer Einführung in die Geschichte des Anarchismus (Joll, Woodcock oder Loick) wird dringend empfohlen und vorausgesetzt. 


Hinreichende deutsche und englische Sprachkenntnisse werden vorausgesetzt, französische (ersatzweise italienische oder spanische) und/oder russische sind mehr als wünschenswert. 




Semester: WiSe 2023/24