Im Mittelpunkt des Seminars steht eine intensive Auseinandersetzung mit dem „Essay über die Gabe“ (1925) des französischen Ethnologen und Soziologen Marcel Mauss, in dem dieser eine Theorie des sozialen Zusammenhalts ausgehend von Gabepraktiken vormoderner und außereuropäischer Gesellschaften entwickelt. In seinem materialreichen Essay stellt Mauss die faszinierende These auf, dass die Prinzipien des Gabentausches auch in modernen ausdifferenzierten Gesellschaften unbemerkt fortbestehen und sich deshalb gegen Tendenzen der sozialen Desintegration reaktivieren lassen. Aber schon bei Mauss bleibt unklar, wie diese These zu verstehen ist: Soll damit gesagt sein, dass die Gabepraxis persönliche Beziehungen stiftet, die ein Gegengewicht zur Vorherrschaft des kapitalistischen Marktes und abstrakten Verrechtlichung von Lebensverhältnissen bilden können, oder – radikaler – ist damit gemeint, dass die Prinzipien der Verpflichtung die verdeckte Grundlage auch von marktförmigen Austauschprozessen und rechtlichen Institutionen bildet? Diese Frage wird in aktuellen Auseinandersetzungen mit Mauss auf unterschiedliche Weise beantwortet. Im Seminar sollen daher nach einer ausführlichen Besprechung des Essays von Mauss exemplarisch die Positionen von Pierre Bourdieu, Maurice Godelier, Marcel Hénaff und Jacques Derrida behandelt werden.

Semester: WT 2015/16