Das Seminar widmet sich einem Schlüsseltext der Kritischen Theorie, dessen bekannte Doppeltthese darin besteht, dass schon dem Mythos ein aufklärendes Moment innewohnt und die moderne Aufklärung in Mythos zurückfällt. Unter dem historischen Eindruck des Zivilisationsbruches, der untrennbar mit dem Namen „Auschwitz“ verbunden ist, fragen sich die beiden Autoren, wie der Anspruch der Aufklärung, sich aus der Unmündigkeit zu befreien, erneut in totale Herrschaft umschlagen konnte. Der neuzeitliche Rationalismus wird dabei als Entstehungsort einer instrumentell verkürzten Vernunft ausgemacht, die sich nicht nur in den Produktionsverhältnissen, sondern in allen Lebensbereichen ausbreitet und alle kulturellen Erzeugnisse gleichermaßen erfasst. Trotz ihrer pessimistischen Sicht auf die gesamte menschliche Kulturentwicklung, wollen Horkheimer und Adorno die Hoffnung auf ein aufklärendes Denken, das die eigenen Voraussetzungen kritisch zu reflektieren vermag, jedoch nicht aufgeben. Die Grundlage zu einer solchen Kulturkritik kann allerdings nicht mehr allein der neuzeitliche Vernunftbegriff sein; es bedarf vielmehr anderer, älterer Quellen, die eher im Bereich des Ästhetischen zu suchen sind.

Im Vordergrund des Seminars steht die gemeinsame Lektüre vor allem des ersten, programmatischen Abschnittes zum „Begriff der Aufklärung“ sowie der erste Exkurs „Odysseus und der Mythos der Aufklärung“. Ein zentrales Anliegen der Seminararbeit ist die Einführung in textorientierte Interpretationsverfahren und die systematische Rekonstruktion von Argumentationsgängen.

Semester: ST 2020