Körperwärme galt bis weit ins 18. Jahrhundert hinein als ein Kriterium sozialer Distinktion:Geschlechter, Rassen und Klassen wurden nicht selten anhand ihrer vermeintlichen „Hitze“ und „Kälte“ voneinander unterschieden, soziale Hierarchien mithilfe von Körperwärme legitimiert. In diesem Seminar machen wir uns auf die Suche nach den Wandlungsprozessen, die Körperwärme als soziales Distinktionsmerkmal zunehmend in den Hintergrund drängten. In der Analyse von Körperwärme im 19. Jahrhundert soll intersektional nach unterschiedlichen Körpern und Sexualitäten, Milieus, Ethnien, Geschlechtern, Altersgruppen und Religionen gefragt werden. Dazu schauen wir uns europäische Badekulturen verschiedener Regionen und Gruppen an. Welche Rolle spielte Körperwärme in deren Zulassungsreglements, Badeordnungen, Kleidungsvorschriften? Wie wurden Bäder genutzt, wie gestalteten sich soziale Interaktionen an diesen Orten und welche Geschichten wurden darüber erzählt? Anhand der Dynamik von Regulations- und (kollektiven) Aneignungsprozessen im Alltag der Badekultur gehen wir vergleichend dem Bedeutungswandel von Körperwärme im 19. Jahrhundert nach.

Literatur

Winthrop D. Jordan, White over Black. American Attitudes toward the Negro 1550–1812, Williamsburg, Va 1968.

Maren Möhring, Thermodynamik und Freikörperkultur. Die Praxis des Lichtluftbades, in: Florence Vienne/Christina Brandt (Hg.), Wissensobjekt Mensch. Humanwissenschaftliche Praktiken im 20. Jahrhundert, Berlin 2008, S. 89–111.

Herbert Lachmayer/Sylvia Mattl-Wurm/Christian Gargerle (Hg.), Das Bad. Eine Geschichte der Badekultur im 19. und 20. Jahrhundert, Wien 1991.
Thomas Walter Laqueur, Making Sex. Body and Gender from the Greeks to Freud, Cambridge, Mass. 1990.

Sylvia Schraut, Sozialer Wandel im Industrialisierungsprozeß, Esslingen 1800–1870, Esslingen 1989.



Semester: ST 2020