Utopien hatten über lange Zeit einen schlechten Stand – und haben es je nach Lesart auch heute noch. Historisch wurden als „utopisch“ vor allem die Ideen der politischen Gegner*innen bezeichnet, gleichbedeutend mit wirklichkeitsfremd, nicht realisierbar und damit zu vernachlässigen. Zudem steht eine Utopie immer – und erst recht in der sogenannten Postmoderne – unter dem Verdacht totalitär zu sein: Wer kann sich schon anmaßen zu wissen, was für alle gut ist? Nach dem Ende des „real existierenden Sozialismus“ rief daher Joachim Fest im Jahre 1991 das „Ende des utopischen Zeitalters“ aus.

Aber verschwunden ist offenbar weder die Utopie als Genre noch utopisches Denken. Gerade aktuell häufen sich Reihen in Tages- und Wochenzeitungen, Initiativen von Kulturschaffenden und bürgerschaftlich Engagierten, die explizit oder sinngemäß die „Utopie nach Corona“ ausmalen. Die ökologische Bewegung entwickelt seit Jahrzehnten utopische Weltentwürfe nicht nur als Gedankenexperiment, sondern als Leitidee für konkret umzusetzende Gemeinschafts- und Lebensformen. Und: Auch die Soziologie interessiert sich wieder für die gesellschaftliche Funktion utopischen Denkens, schließlich drückt jede Idee einer besseren Welt auch eine kritische Auseinandersetzung mit der bestehenden aus.

Ziel des Seminars ist eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Utopien aus soziologischer Perspektive. Dafür wird in die Grundlagen des klassischen Utopiebegriffes eingeführt (der ursprünglich auf Thomas Morus Staatsroman „Utopia“ von 1516 zurückgeht), der Schwerpunkt liegt aber auf aktuellen Debatten. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern Utopie als Methode der Gesellschaftsanalyse geeignet sein kann. Ein wichtiges empirisches Anwendungsfeld bietet das Projekt https://utopian-worlds.org/.


Semester: ST 2021