
Haben Sie auch gemerkt, dass wir beim Lesen immer wieder warten müssen? Dieses Warten kann eine gierige Antizipation sein, wenn uns, z.B. bereits der Titel eines Werks diverse Signale der kommenden Erzählung (voraus)sendet, unsere Erwartungen vorprogrammiert und dann sie erfüllt oder auch effektvoll täuscht. Es kann aber ebenfalls ein trübes Voraussehen sein, wenn wir während der Lektüre mit einer (Vor)Freude des Wiedererkennens langsam, aber sicher die Genrekonturen eines Textes und die Stränge seines Plots erkennen. Es kann aber auch eine lange und manchmal sogar zu lange Pause einer dreiseitigen Naturbeschreibung sein, wenn selbst die Geduldigsten anfangen, diagonal zu lesen, um endlich zum heiß ersehnten Ereignis zu kommen.
Im ersten – theoretischen – Teil unseres Seminars setzen wir uns zunächst mit dem literarischen Verständnis der Ereignishaftigkeit auseinander. Wir erfahren beispielsweise, was ein Bruch der Erwartung und eine Verfremdung des Scripts bedeuten und warum und wie in den Büchern die Handlung so gerne gebremst wird. Theorie und Wissenschaftsgeschichte verbindend, werden wir uns auf diverse Ansätze der internationalen Erzähltheorie stützen: vom russischen Formalismus über die deutsche Narratologie und den französischen Strukturalismus bis zur Tartu-Moskauer Semiotik.
Im zweiten – praktischen – Teil der Veranstaltung werden wir die erworbenen bzw. wiederholten erzählanalytischen Kompetenzen erproben und anwenden, und zwar anhand von ausgewählten Texten der russischen Literatur von den Klassikern wie Puškin und Lermontov über Tolstoj und Čechov bis zur Gegenwart in Person Vladimir Sorokins. Die Werke, die wir dabei lesen werden, vereint das explizite und daher beinahe metapoetisch wirkende Motiv der Erwartung. Bei der Besprechung dieser von der Romantik bis zur Postmoderne reichenden Texte bekommen wir – erwartet oder unerwartet, als Nebeneffekt – einen Einblick in die Litertaturgeschichte der russischen Erzählung der letzten 200 Jahre.
- Trainer/in: Ananka Yaraslava