„Jeder redet über Gewalt, aber keiner denkt wirklich darüber nach“ – dies konstatierte der englische Historiker Eric Hobsbawn für den politischen Diskurs über Gewalt Ende der 1960er Jahre. Obwohl die Gewaltfrage damals in der allgemeinen Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde, wurde sie insbesondere für die politische Linke und die sich formierende 68er Studentenbewegung zur neuralgischen Frage schlechthin: Gibt es eine Legitimität von Gewalt und worauf gründet sie sich? Diese Fragen wurden nicht nur vor dem Hintergrund eigener Konfrontationen - etwa bei Protest- oder Demonstrationszügen mit der Polizei - gestellt, sondern auch mit Blick auf die Dekolonisierungsbewegungen im Globalen Süden. Das semantische Feld des Gewaltbegriffs erweiterte sich dabei rasch um Begriffe wie „Protest“, „Revolution“, „Stadtguerilla“, „Gegengewalt“ und „Widerstand“, mit denen Gewalt nicht nur konzeptualisiert, sondern auch ihre Legitimität verhandelt wurde. Das Seminar beschäftigt sich mit dem Nachdenken über Gewalt in den 1960er Jahren im Kontext der Studentenbewegung. Es nähert sich dem Thema auf zwei Wegen: Zum einen werden ausgewählte Texte, die in dieser Zeit - mitunter auch vor dem Hintergrund der Konflikte und Kriege im Globalen Süden - entstanden sind, erneut gelesen und historisch eingeordnet. Zum anderen wird nach der Art und Weise ihrer Rezeption innerhalb der 68er-Studentenbewegung gefragt.
Semester: WiSe 2024/25