
Das moderne Russisch, befreit vom Ballast des Altkirchenslawischen und der Imitation französischer Rede, etabliert sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Literatursprache. Ihre Genese ist mit dem Namen Aleksandr Puškin fest verbunden. In der Mitte des Jahrhunderts entwickelt sich mit der Natürlichen Schule der auf Jahrzehnte unerschütterliche Glaube, mit dieser Sprache die Wirklichkeit korrekt abbilden – und ändern – zu können. Schriftsteller wie Tolstoj und Dostoevskij, Turgenev und Leskov, Čechov und Gor’kij begreifen den Realismus ihrer Werke nicht zuletzt auch als Mission, das Schaffen des Dichters als nachgerade sakrale Angelegenheit, die einer universellen „Wahrheit“ verpflichtet ist. Dieser positivistische Glaube geht im ausgehenden 19. Jahrhundert verloren. Die Wirklichkeit der Symbolisten ist die Wirklichkeit der Sprache selbst, ihre Mission ist nicht länger sozial, sondern ästhetisch, ihre Wahrheit das Ideal der Form. Immer aber sind die Texte des 19. Jahrhunderts auch Reflexionen einer Epoche zwischen Romantik, Reaktion, Reform, Rebellion und Resignation. Ziel des Seminars ist es, Themen, Typen und Topoi von Schlüsseltexten des vorvergangenen Jahrhunderts im Kontext ihrer Entstehungsbedingungen zu folgen und auf ihre Bedeutung im Rahmen der russischen Kulturgeschichte zu befragen.
- Trainer/in: Christian-Daniel Strauch