Auf der Grundlage der Notizen eines Eisenacher Arztes hat Barbara Duden eindrücklich gezeigt, wie Gefühle Frauen des frühen 18. Jahrhunderts körperlich umtrieben und welchen Umgang damit sie sich durch ärztliche Intervention versprachen – etwa mit der Verschreibung von “Theriac, um den Zorn auszuschwitzen” (Duden 1987: 167). Solche dezidiert körperlichen Wahrnehmungen und Verortungen von Affekten sind Teil der humoralpathologischen Lehre vom Gleichgewicht der Körpersäfte, das hergestellt werden müsse, um körperliche Verkrampfungen, darunter Zorn oder „Wollust“, Begehren, zu lösen – etwa via Aderlass abfließen zu lassen oder eben „auszuschwitzen“.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts werden solche Affekte allerdings zunehmend als Gefühle auf psychischer Ebene lokalisiert und verhandelt. Mit neurologischen Körperauffassungen tritt „vitale Hitze“ bzw. „Lebenskraft“, welche Säfte ineinander umwandele, zugunsten der black box „Trieb“ zurück: Die Säfte als „Triebwerk“ des Körpers (Villaume 1787: 90) werden durch die Nerven ergänzt, überschrieben und sukzessive ersetzt. Aus dem „Nervensaft“ wurde „eine latente ‚Nervenkraft‘“ (Rothschuh 1958: 2967), aus Nervenkanälen ein Medium, das „den Zusammenhang zwischen Körper und Gemütsverfassung entstofflicht“ (Koschorke 2003: 371; 96).

Mit dieser Verlagerung von körperlichen Affektregimen auf psychisches Trieb- und Begehrensmanagement in Aufklärung und Romantik beginnt eine Geschichte der Gegenwart, die wir in ihren (Rück)Wirkungen auf die Konzeptionen von Körpern und Körperhierarchien rekonstruieren. Diese zeigen sich besonders deutlich, wenn wir nach modernen Konzeptionen von race, class, gender, dis/abilities fragen, wurde doch „Trieb“ Foucault zufolge im 19. Jahrhundert zu demjenigen Konzept erhoben, das eine Normalisierungsgesellschaft – und damit verschränkte Biopolitiken von Rassismus, Klassismus, Heteronormativität und Eugenik legitimierte.

Duden, Barbara (1987), Geschichte unter der Haut, Stuttgart.

Koschorke, Albrecht (2003), Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München.

Villaume, Peter (1787), Über die Unzuchtsünden in der Jugend, in: Campe, Joachim Heinrich (Hg.), Allgemeine Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens von einer Gesellschaft praktischer Erzieher. 16 Bde. Hamburg u.a. 1785-92, Bd. 7, S. 1-308.

Rothschuh, Karl E. (1958), Vom Spiritus animalis zum Nervenaktionsstrom, in: CIBA-Zeitschrift 89, Bd. 8, S. 2950-2980.

Foucault, Michel [1974/75], Die Anormalen.  Vorlesungen am Collège de France (1974-1975), trsl. Michaela Ott u. Konrad Honsel, Frankfurt a.M. 2007.

Honnegger, Claudia (1991), Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib 1750-1850, Frankfurt a.M.

Hartman, Saidiya V. (1997), Scenes of Subjection. Terror, Slavery, and Self-Making in Nineteenth-Century America, New York.

McClintock, Anne (1995), Imperial Leather. Race, Gender, and Sexuality in the Colonial Contest, New York.

Miyazaki, Hayao (2023), Trailer ‘The boy and the heron’, 0:15, URL: <https://youtu.be/EfCnWZNv_dw?t=15> (22.08.2025).

Semester: WiSe 2025/26