Es fällt heute immer schwerer, allgemein von Fortschritt zu sprechen, ohne sogleich die

skeptischen Nachfragen anzuschließen, „in Bezug auf was“ und „für wen oder welche Gruppe“

ein Fortschreiten konstatiert wird. Und doch kommt eine kritische Betrachtung der eigenen

sozialen Gegenwart nicht ganz ohne die Fortschrittskategorie aus, die zumindest implizit

immer dann in Anspruch genommen wird, wenn aktuelle Phänomene als Rückschritt bzw.

Regression oder im Namen emanzipativer Bewegungen kritisiert werden. Aller Skepsis zum

Trotz scheint es jedenfalls weitgehend unproblematisch, die Befreiung von einem vormaligen

Zustand der Herrschaft oder Unterdrückung als „besser“ und in diesem Sinne als Fortschritt

zu charakterisieren.

Im Seminar soll diese Ambivalenz des Fortschrittsbegriffs anhand einer bestimmten

Traditionslinie, nämlich der Kritischen Theorie, näher beleuchtet werden. Dabei stehen in der

ersten Hälfte mit Walter Benjamin und Theodor W. Adorno zwei Vertreter der ersten Generation

der Frankfurter Schule im Vordergrund, die jeweils eine dezidierte Kritik des Fortschrittsbegriffs

vorgelegt haben. In der zweiten Hälfte werden wir uns dann zwei zeitgenössischen Autorinnen

zuwenden, die diese radikale Kritik auf unterschiedliche Weise aufgenommen haben: Während

Amy Allen von einem „Ende des Fortschritts“ spricht, möchte Rahel Jaeggi zeigen, warum das

Begriffspaar Fortschritt und Regression für die kritische Sozialtheorie unerlässlich bleibt.

Semester: WT 2025/26