Einen der wichtigsten und bis heute unterschätzten osteuropäischen Beitrag zur Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts stellt der Formalismus dar. Der Name ist ein sprechender: Im Zentrum der formalistischen Fragestellungen steht die Kategorie der Form. Der in den vorformalistischen Diskursen privilegierte „Sinn“ sei lediglich ein „Was“ des ein literarisches Werk als solches konstituierenden „Wie“. Der Gehalt sei nur Material einer (ver)formend verfremdenden Gestaltung. In der Kunst herrsche das Verfahren; es sei kein (stilistisches, rhetorisches etc.) Mittel, sondern Selbstzweck. Die Literatur entschlüssele keine Wirklichkeit, sondern verweise auf ihre eigene Literarizität. Das war der Ausgangspunkt für formalistische Intuitionen und Ideen zur Beschaffenheit der Literatur. Innerhalb kurzer Zeit, lediglich eines Jahrzehnts (1916–1925), jedoch eines intensiven und impulsiven, revolutionären Jahrzehnts, entwickelten die Formalisten diverse Ansätze zur synchronen und diachronen Betrachtung der Literatur in ihrer diskursiv-ästhetischen Autonomie. In unserem Seminar gehen wir den nachhaltigsten Ausprägungen des formalistischen Gedankenguts nach.

 

Literatur:
Striedter, Jurij (Hrsg.) 1969: Texte der russischen Formalisten. Band I. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa. München: Wilhelm Fink Verlag.
Hansen-Löve, Aage 1978: Der russische Formalismus: Methodologische Rekonstruktion seiner Entwicklung aus dem Prinzip der Verfremdung. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Tynjanow, Juri 1982: Poetik. Ausgewählte Essays. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag.
Ehlers, Klaas-Hinrich 1992: Das dynamische System: Zur Entwicklung von Begriff und Metaphorik des Systems bei Jurij N. Tynjanov. New York: Peter Lang.
Tomaševskij, Boris 1985: Theorie der Literatur, Poetik. Wiesbaden: Harrassowitz.
Semester: ST 2026