Ein reger Kulturaustausch zwischen französischer Literatur und italienischer Oper zieht sich durch das gesamte 19. Jahrhundert. Während die Kom­ponisten Gaetano Donizetti und Giuseppe Verdi ihre Themen und Motive dem romantischen Theater Victor Hugos und dem Bühnenmelodram von Alexandre Dumas fils entlehnen, hinterlassen sowohl die ernste als auch die komische italienische Oper ihre Spuren im französischen Roman. Dessen anhaltende Faszination für die operntypische Interaktion von Text, Musik und Bühne zeugt von einer Lust am Spektakulären, lässt aber auch die mediale Konkurrenz zwischen den Kunstgattungen hervortreten. Romanautoren wie Stendhal oder Flaubert versuchen die Pluralität und Simultanei­tät ästhetischer Praktiken im Musiktheater mithilfe narrativer Verfahren einzuholen und bedienen sich insbesondere dann beim Opernhaften, wenn es darum geht, affektgeladene Szenen höchster Intensität literarisch wiederzugeben. Denn die Oper steht von jeher für jene großen Gefühle, derer sich der Roman als aufstrebendes Genre mit seinen von der Banalität des modernen Alltags gelangweilten Protagonisten erst würdig erweisen muss. Ob dies gelingt oder nicht, wird eine der zentralen Fragen des Seminars sein.