Die Institutionalisierung der akademischen Musikwissenschaft an der Universität Leipzig mit der Gründung des Instituts 1908 ist von einer mythischen Aura umwoben – was einerseits daran liegt, dass mit Hugo Riemann einer der bis heute einflussreichsten Musikwissenschaftler für diese Gründung verantwortlich, und andererseits institutionsgeschichtlich kaum etwas über die Zeit um 1900 bekannt ist.
Wer waren die Studierenden, die es nach Leipzig zog, aus welchen Ländern und Verhältnissen stammten sie? Welche musikwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen besuchten sie und was können wir über den Ablauf und Inhalt dieser Kurse in Erfahrung bringen? Wie war das Studium geregelt und welchen Einfluss hatten die Lehrpersonen auf die Internationalisierung des Fachs im frühen 20. Jahrhundert? Diese und weitere Fragen leiten dieses Seminar, in dem wir uns forschungspraktisch und quellennah mit den Beständen des Universitätsarchivs beschäftigen werden.
Was ist eine Quästur und wie lassen sich Studierende in der Matrikel identifizieren? Wieso finden sich musikwissenschaftliche Veranstaltungen schon in Vorlesungsverzeichnissen aus dem 19. Jahrhundert vor der Institutsgründung? Welche Informationen enthalten Gutachten zu Qualifikationsarbeiten und Prüfungsprotokolle? Diese und weitere Quellentypen werden uns im Semester beschäftigen, wobei der Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert bis ungefähr zum Dritten Reich liegen.
Das Seminar sieht nach einführenden gemeinsamen Archivbesuchen die Arbeit in kleinen Projektgruppen mit einigen Selbstlernphasen vor, bei denen selbständig Termine zur Quelleneinsicht im Universitätsarchiv wahrgenommen werden. Der Großteil der Quellen ist bereits digitalisiert und im Internet einsehbar. Als Prüfungsleistung fungieren die aufbereiteten Ergebnisse der Projektarbeiten: Sie werden in Form digitaler Inhalte als Wiki, Blog und multimedial auf einer neuen Seite der Instituts-Website veröffentlicht. Das Quellenmaterial bietet im Anschluss an die Lehrveranstaltung Möglichkeiten zur Entwicklung eigener kleiner Forschungsthemen im Umfang von Haus- und Abschlussarbeiten.
Da deutschsprachige handschriftliche Quellen bis in das 20. Jahrhundert hinein häufig in der Kurrentschrift, einer Vorform der Sütterlin-Schrift, verfasst worden sind, empfiehlt sich der Besuch der begleitenden einstündigen Übung direkt im Anschluss an das Seminar. Einige gedruckte Quellen aus dem 19. Jahrhundert sind auf Latein verfasst worden, besondere Sprachkenntnisse werden dafür allerdings nicht erwartet.
Dem Seminar folgt die obligatorische Teilnahme an einem Workshop vom 20. bis 22. Juli, bei dem die gesammelten Forschungsdaten mit Hilfe der Software-Umgebung nodegoat modelliert und mithilfe interaktiver Daten visualisiert werden. Der Kurs ist so angelegt, dass Anwesenheitszeiten sowie die Vor- und Nachbereitung der Sitzungen das übliche Maß eines Seminars von 2 Semesterwochenstunden nicht überschreiten.

Literatur:
Babbe, Annkatrin; Timmermann, Volker (Hrsg.): Konservatoriumsbildung von 1795 bis 1945. Beiträge zur Bremer Tagung im Februar 2019, (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts, Bd. 17) Hildesheim 2021.
Fend, Michael (Hrsg.): Musical Education in Europe, 2 Bde., Berlin 2005.
Fontana, Eszter (Hrsg.): 600 Jahre Musik an der Universität Leipzig. Studien anlässlich des Jubiläums, Wettin 2010.
Hehl, Ulrich von; John, Uwe; Rudersdorf, Manfred (Hrsg.): Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 4: Fakultäten, Institute, Zentrale Einrichtungen, Halbbd. 1, Leipzig 2009.
Hoffmann, Freia (Hrsg.): Handbuch Konservatorien. Institutionelle Musikausbildung im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts, 3 Bde., Laaber 2021.
Rothkamm, Jörg; Schipperges, Thomas (Hrsg.): Musikwissenschaft und Vergangenheitspolitik. Forschung und Lehre im frühen Nachkriegsdeutschland. Mit den Lehrveranstaltungen 1945–55, (= Kontinuitäten und Brüche im Musikleben der Nachkriegszeit, Bd. 2), München 2015.

Semester: SoSe 2022